Von Karsten Windt | 1. Geige [zur Person]
Die für einen Musiker nach einem Konzertabend eigentlich viel zu frühe Busabfahrt zum Wiener Flughafen am nächsten Morgen wird belohnt mit einer zeitigen Ankunft in Paris. Dank eines geschickten Busfahrers erreichen wir noch vor der Rush Hour in nur 40 Minuten das Hotel – ein absoluter Rekord. Beim letzten Mal waren es fast zwei Stunden!
Das Hotel liegt direkt am Gare du Nord – nicht gerade die schönste Ecke von Paris, mit Billigläden, offenbar Drogenhandel und vielen Arbeitslosen auf der Straße. Aber viele Orchester wohnen hier, weil der Saal – La Salle Pleyel – nicht zu weit entfernt ist, und am Dienstag unser Zug nach Brüssel direkt auf der anderen Straßenseite abfährt. Da ich schon seit einigen Tagen ein Kratzen im Hals habe, mache ich mich gleich auf die Suche nach einer heißen Suppe, doch inmitten der unzähligen einfachen Restaurants und Imbisse scheint es so etwas nirgendwo zu geben. Also entscheide ich mich für ein kleines, etwas abseits gelegenes Familienbistro, wo der Patron noch persönlich serviert. Cassoulet, was in der englischen Übersetzung sogar als Stew (Eintopf) angepriesen wird, entpuppt sich als ein lieblos zusammengewürfelter Teller trockener Zutaten. Pech gehabt. Trotzdem: die Atmosphäre ist sehr nett und echt französisch. Am Nebentisch isst der Patron selbst zu Mittag, mit 3 Freunden.
Da ich französisch spreche, kommen wir ins Plaudern. Man schenkt mir ein kleines Glas Wein, so kriege ich wenigstens ein paar Happen runter … Einer der Freunde stellt Käse her, den ich auch probiere, ein leckerer Camembert. Er meint, die Deutschen gehörten zu seinen besten Kunden. Ich verspreche ihm, das Foto, das ich von den vier Messieurs mache, in den Blog zu stellen und ihm den Link zu schicken. Ein anderer ist (noch) arbeitsloser Komödiant und drückt mir mal eben das Musikprogramm vom Théâtre des Champs-Elysées in die Hand. Wie in Berlin und Wien gibt es auch in Paris zwei Konzertsäle mit wirklich reichhaltigem Konzertangebot. Nebenbei verabredet sich der vielleicht Ende fünfzigjährige Patron am Handy mit seiner Copine zu einer Soupe Chinoise für den Abend. So weiss ich nun auch, wo ich später meine Suppe herbekomme!
Leider muss ich wegen meines fiebrigen Gesundheitszustandes den Rest des Tages und auch den nächsten Tag im Bett meines Hotelzimmers verbringen. Das mittlerweile fertig renovierte Portal des Nordbahnhofs, auf das ich blicke, sieht zwar wunderschön aus und erinnert mich daran, dass es auch in Berlin früher viele Kopfbahnhöfe gab. Hier sind sie alle immer noch in Betrieb und erzählen ihre Geschichten. Allerdings dringen der tosende Verkehrslärm und das Hupen der Taxis von morgens um 6 bis nachts um 2 auch durch die besten schallisolierten Fenster. Dazu die vielen Motorroller, die trotz der Kälte unterwegs sind, mit findigem Fahrtwindschutz – eine Stadt immer kurz vor dem Verkehrskollaps.
Im französischen Fernsehen läuft eine Sendung über Häuserrenovierung. Das Innenarchitekten-Team könnte mein dunkelbraunes Zimmer auch mal gut gebrauchen. Egal, krank sein auf einer Tournee ist immer blöd, und mit den vielen Klimaanlagen, auf Flughäfen und Restaurants kann man sich schon mal was einfangen. So spielt sich mein Pariser Aufenthalt innerhalb eines Häuserblocks rund um das Hotel ab. Meine lieben Geigenkollegen sind am freien Tag dafür viel rumgestiefelt, zur Seine, auf den Montmartre, ins Louvre, und was man sonst noch alles Schönes machen kann in Paris. Sonntag abend wollten wir uns unten an der Ecke, in der Brasserie 1925 – weit und breit das einzig vernünftige Restaurant – zum Diner treffen. Wer’s mag, findet dort auch leckere Austern. Ich bin nicht gerade ein Fan, aber die Austern-Verkostung fünf verschiedener Sorten, begleitet von einem Glas trockenen Muscadets, war beim letzten Mal vorzüglich und sehr interessant. So etwas findet man in Berlin kaum. Diesmal muss ich leider absagen und buche stattdessen für den nächsten Vormittag einen Rückflug nach Berlin und einen Arzttermin, was sich später als absolut notwendig bestätigt. Schade. Ich komme mir vor wie ein Fussballer, der verletzt aus dem Spiel ausscheidet und das Geschehen nur noch aus der Ferne mitverfolgen kann. So werde ich also vom Blogger zum Gebloggten …
Kornelia, unsere Soloflötistin, schreibt mir eine Gute-Besserungs-SMS und berichtet, dass die Zuhörer in der Salle Pleyel begeistert waren. Strawinskys „Feuervogel“ (in unserem Fall die gesamte Balletmusik, nicht nur die bekanntere kürzere Suite), in Wien eher mit freundlichem Beifall bedacht, wird vom Pariser Publikum ganz offensichtlich anders aufgenommen. Schließlich lebte der Komponist ab 1920 hier, wurde 1934 sogar französischer Staatsbürger, bevor er später nach Amerika auswanderte. Der „Feuervogel“, im Original „L’oiseau du Feu“, wurde hier uraufgeführt, der „Sacre du Printemps“ entfachte später den berühmten Tumult. So nimmt Strawinsky im Pariser Musikleben vielleicht einen ähnlichen nationalen Stellenwert ein wie Ravel und Debussy. In Wien mögen es eher Mahler, Mozart, Schubert und Johann Strauss sein, und vielleicht gibt es bei uns in Berlin eine Affinität zu Beethoven, Brahms und Richard Strauss? Man kann es sicherlich nicht verallgemeinern, aber eine Publikumsreaktion verdeutlicht immer auch gewisse lokale Vorlieben des musikalischen Geschmacks und trägt der nationalen Musikgeschichte Rechnung. In der Salle Pleyel werden wir jedenfalls deutlich daran erinnert: Igor Strawinsky war nicht nur Russe, sondern auch Franzose! Bon voyage, DSO.