Das DSO bei den BBC-Proms

Am 10. August waren das DSO und Ingo Metzmacher zusammen mit dem Geiger Leonidas Kavakos bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall in London zu Gast. Auf dem Programm standen das ›Nachtstück‹ aus ›Der ferne Klang‹, Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert D-Dur op. 35 und die Sinfonie Nr. 7 e-Moll von Gustav Mahler. Das Konzertprogramm wurde bereits am 6. August im Südtiroler Städtchen Toblach bei den Gustav Mahler Musikwochen präsentiert.

→ Informationen und Karten bei der BBC

Pressestimmen:

„Mahler’s Seventh Symphony works best when conducted by radicals. Traditionalists have argued that its five movements don’t cohere into a unified whole – a view that can affect the work in performance. Get someone at the helm who can rethink the score from scratch, however, and you end up with something very different. Ingo Metzmacher’s performance with the Deutsches Symphonie Orchester Berlin was revelatory, both in terms of its cogency and the light it shed on the work’s deeper implications and historical impact. „ [Mehr lesen]
Tim Ashley | The Guardian | 11. August 2010

„Actually there was almost too much music in this hothouse of a programme though, of course, the logic of programming Schreker and Korngold alongside the elaborate abstractions and nocturnal bumpings and grindings of Mahler’s 7th Symphony was inescapable. Metzmacher and his orchestra gave an impressively taut and acutely well-heard account of the piece. Narrative tension was not, as is sometimes the case, at a premium and that sometimes problematic balance between the super-refined (the songful guitar and mandolin flecked fourth movement nocturne was quite exquisite) and the super-vulgar was never an issue. Metzmacher even nailed the insane logic of the finale’s maniacal “danceathon” thanks not least to a quite sensational first trumpet.“ [Mehr lesen]
Edward Seckerson | The Indepentent | 11. August 2010

Audio on Demand:

Der Mitschnitt steht kurz nach Konzertende für sieben Tage als Audio on Demand zur Verfügung.
Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.bbc.co.uk/proms/2010/whatson/1008.shtml

Livestream am 10. August:

Sie können das Konzert ab 19.30 Uhr Ortszeit/20.30 Uhr deutscher Zeit im Livestream von BBC Radio 3 miterleben:
http://www.bbc.co.uk/iplayer/console/radio3

„Messerscharf und hypersensibel“: Das DSO und Ingo Metzmacher in Salzburg

Im Juli und August ist das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung seines Chefdirigenten Ingo Metzmacher mit Operngastspielen und Konzerten im Rahmen renommierter Festivals und an bedeutenden Orten zu hören.

Bilder: Ruth Walz / Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele: ›Dionysos‹

Los ging’s am 27. Juli  mit der gefeierten Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele 2010, als im Haus für Mozart die Oper ›Dionysos‹ von Wolfgang Rihm ihre Welturaufführung erlebte, ein Auftragswerk der Festspiele anlässlich des diesjährigen Rihm-Schwerpunkts. Die Partien sind  prominent besetzt, u. a. mit Bariton Johannes Martin Kränzle in der Hauptrolle und Sopranistin Mojca Erdmann. Regie führt Pierre Audi, das Bühnenbild gestaltete Jonathan Meese.

Weitere Termine: 30. Juli, 5. und 8, August
[→ Karten und Informationen bei den Salzburger Festspielen]

Pressestimmen Oper (Auswahl):

„Es ist das Verdienst Ingo Metzmachers und des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, diese Musik in Salzburg so wirkungsvoll und differenziert zu inszenieren, dass gerade ihre Geschlossenheit und Unmittelbarkeit betont wird.“
[→ Mehr lesen: Frankfurter Rundschau vom 28.07.2010]

„Bleiben zu rühmen: der dezent agierende Regisseur Pierre Audi, das allzeit perfekt präsente Deutsche Symphonieorchester Berlin, die famose Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor sowie der Dirigent Ingo Metzmacher, ein wahrer „Maitre des plaisirs“, dem Rihm vor fünfzehn Jahren dieses Werk versprach und der nicht lockerließ, bis es geschrieben war.“
[→ Mehr lesen : Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.07.2010]

„Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin erreichen ein Nonplusultra an Interpretation, messerscharf und hypersensibel auf einmal.“

[Badische Zeitung vom 29.07.2010]

„Am Pult stand einer, der leider zu selten in Salzburg zu erleben ist; Ingo Metzmacher verstand es wohl kaum wie ein anderer, dieser Partitur klangliches Leben einzuhauchen, die Musik so zu interpretieren, als wäre sie schon längst bekannt, als verstünde man sofort auch den subtilen Witz, der zwischen Rihms Notentext verborgen ist. Dazu kommt seine unerschütterlich exakte Schlagtechnik. Davon profitierte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das hervorragend disponiert, ungemein schön, exakt und leidenschaftlich agierte und wie der von Jörn H. Andresen bemerkenswer gut studierte Staatsopernchor perfekter Partner für die Solisten war.“
[Oberösterreichische Nachrichten vom 29.07.2010]

›Kontinent Rihm‹ in Salzburg und Ingolstadt

Darüber hinaus gaben das DSO und Ingo Metzmacher am 29. Juli das erste von zehn Konzerten in der Reihe ›Kontinent Rihm‹ [mehr dazu hier] in der Salzburger Felsenreitschule sowie am 31. Juli das Abschlusskonzert der Audi Sommerkonzerte mit dem Titel ›Salzburger Festspiele zu Gast‹ im Festsaal Ingolstadt. Darin werden die sieben aufwendig angelegten Bühnenmusiken ›Les Choéphores‹ von Darius Milhaud Wolfgang Rihms ebenfalls groß dimensionierter Ballettmusik ›Tutuguri‹ gegenübergestellt.

Pressestimmen ›Kontinent Rihm‹:
• → „Shaking the Salzburg Halls With the Wild and Modern“, New York Times vom 30.07.2010

• → „Kontinent Rihm“ eröffnet in Salzburg grandios“, Die Welt vom 31.07.2010

Mehr dazu demnächst an dieser Stelle …

Berliner Publikum verabschiedet Ingo Metzmacher als Chefdirigent des DSO

Bild: Kai Bienert

Mit minutenlangem Beifall verabschiedete das Berliner Publikum den scheidenden Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) Ingo Metzmacher am Abend des 14. juni 2010 in der Berliner Philharmonie. Sichtlich ergriffen nahm dieser einen Blumenstrauß zum Dank für drei fruchtbare Jahre der Zusammenarbeit aus den Händen seiner Musiker entgegen. In dem restlos ausverkauften Saal hatte Metzmacher zuvor das Abschlusskonzert der DSO-Saison 2009|2010 mit Claude Debussys ›Prélude à l’après-midi d’un faune‹, Henri Dutilleux’ Cellokonzert ›Tout un monde lointain …‹ mit dem Solisten Alban Gerhardt und Ludwig van Beethovens ›Pastorale‹ dirigiert.

Innovationen und Erfolge
Durch seine innovative Programmgestaltung und seinen konsequenten Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts sowie Themenschwerpunkte innerhalb der Jahresprogramme setzte Metzmacher mit dem DSO seit der Spielzeit 2007|2008 entscheidende Akzente im hauptstädtischen Kulturleben. Nach den Themenreihen ›Von deutscher Seele‹ und ›Aufbruch 1909‹ ging er in seiner dritten und letzten Saison den musikalischen Spielarten der ›Versuchung‹ nach. Durch die Einführung des jungen Konzertformats der Casual Concerts und Projekte im Berliner Kunsthaus Tacheles gelangen ihm die Ansprache neuer Hörergruppen und die Erschließung ungewöhnlicher Spielstätten. Das Konzertjahr 2009 entwickelte sich unter seiner Stabführung mit einer Rekordauslastung und mit Rekordeinnahmen zu einem der erfolgreichsten in der Geschichte des Orchesters.

Gastspiele in Salzburg und London
Nach seinem letzten Berliner Konzert wird Metzmacher mit dem DSO am 27. Juli die Salzburger Festspiele 2010 durch die Uraufführung von Wolfgang Rihms Oper ›Dionysos‹ eröffnen und mit einem Gastspiel im Rahmen der legendären ›BBC Proms‹ in London am 10. August seine Chefdirigentenzeit beschließen.

Konzertsaison 2010|2011

Am 22.4.2010 hat das DSO auf einer Pressekonferenz in der Villa Elisabeth das Programm der kommenden Saison 2010|2011 vorgestellt.

Detaillierte Informationen zur neuen Saison finden Sie hier.

Die detaillierte Jahresvorschau 2010|2011 inkl. Abonnementflyer schicken wir Ihnen auf Anfrage gerne kostenfrei zu. Bitte senden Sie uns hierfür eine Nachricht mit dem Betreff ›Vorschau‹ und Ihrer Anschrift via E-Mail an presse@dso-berlin.de.
Sie erhalten die Jahresvorschau außerdem im Besucherservice in der Charlottenstraße 56 oder in der Philharmonie.


„Konkurrenz verdirbt das Geschäft“

Jörg Königsdorf vom Tagesspiegel sprach mit Ingo Metzmacher über seinen Abschied aus Berlin und kommentiert die aktuellen Probleme der Berliner Orchesterlandschaft sowie die Zukunftsperspektiven des DSO. Sehr lesenswert.

Tagesspiegel vom 9.4.2010:
Das Ende ist fulminant. Kaum sind die gleißenden Schlussakkorde des „Feuervogels“ verklungen, hält es die Besucher der Warschauer Philharmonie nicht mehr auf ihren Plüschsitzen. Frenetisch feiern sie Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin für die ebenso klarsichtige wie atmosphärische Wiedergabe der heiklen Strawinsky-Partitur. Die beiden Konzerte beim Warschauer Beethovenfest sind der Schlusspunkt der Tournee, die das DSO in den vergangenen Wochen nach Brüssel, Paris und Wien geführt hat – das Hauptstück, Mahlers Siebte, werden Metzmacher und die Seinen im Sommer noch einmal bei den Londoner Proms spielen.

Solche Termine bedeuten viel im Ranking der europäischen Top-Orchester und zeigen gerade den Berliner Ensembles (daheim immer ein bisschen im Schatten der Philharmoniker), wo sie wirklich stehen. Und wenn einer Zweifel hätte, ob die Marke DSO außerhalb Berlins etwas gilt, dürften ihn diese Konzerte zum Schweigen bringen. Angesichts der musikalischen Harmonie, die das Orchester und sein Chef demonstrieren, käme niemand auf den Gedanken, dass ihnen etwas anderes bevorstehen könnte als eine glänzende Zukunft.

Und doch ist genau das Gegenteil …“ [Weiterlesen beim Tagesspiegel ...]

Erste Fotos aus Lodz und Warschau

Warschau | Teil II

Bilder: Andreas Lichtschlag

Strawinsky-Probe in Warschau:

Mehr Bilder gibt’s hier:
Weiterlesen ‘Erste Fotos aus Lodz und Warschau’

Bericht aus Warschau

Von Andreas Lichtschlag | Cellist [zur Person]

Donnerstag, 25. März:
Direkt nach dem Konzert in Lodz haben wir den Bus nach Warschau bestiegen. Trotzdem ist Jogging-Treff um 8 Uhr. Wir laufen durch den Saski-Park, am Grab des Unbekannten Soldaten vorbei, Richtung Weichsel. Am Ufer zeugen Glasscherben von Gelagen und auf der ufernahen Schnellstraße donnert der Verkehr. Ein Angler kommt uns entgegen. Ob der etwas in den trüben Fluten der Weichsel fangen wird?
An der Brücke in Höhe der Altstadt geht es bergauf. Wir nehmen im Laufschritt immer zwei Stufen. Gutes Training für unser Salzburg-Gastspiel im Sommer. Wir laufen einen großen Bogen durch die Altstadt, machen aber eine Pause am Denkmal des Warschauer Aufstandes 1944. In vier Sprachen wird von dem aussichtslosen Kampf der Warschauer, dem Nichteingreifen der in der Nähe abwartenden russischen Armee und der sinnlosen Zerstörung der Altstadt durch die Wehrmacht berichtet.
Unser Weg zurück zum Hotel verläuft teilweise durch das Gebiet des ehemaligen Ghettos. Unser Hotel müsste an einer der Ghettomauern liegen. Nach dem Frühstück mache ich mich noch einmal auf den Weg. Auf den Spuren des Ghettos hatte ich mich schon bei unserem letzten Gastspiel 2006 bewegt. Bis auf einige wenige Häuser und Teile der Umfassungsmauer ist nichts mehr zu sehen. Man findet jedoch mehrere Hinweistafeln und Denkmäler in dem heutigen Plattenbauten-Gebiet. Diesmal gehe ich an den Resten des berüchtigten Pawiak-Gefängnisses vorbei zum jüdischen Friedhof.
Am Abend Mahler VII. Der Saal ist rappelvoll. Das Publikum lauscht sehr konzentriert.

Freitag, 26. März:
Nach der Vormittagsprobe mache ich einen kurzen Besuch im Nationalmuseum, beschränke mich aber auf die polnischen Maler und auf
Canaletto, der in Warschau seine letzten Jahre verbrachte und dessen Stadtansichten Vorlage für den Wiederaufbau der Altstadt waren.
Am Abend Brahms’ zweites Klavierkonzert mit Kirill Gestein und einem berückenden Cellosolo Mischa Meyers im dritten Satz.

Samstag, 27. März:
Obwohl es am Abend zuvor spät wurde, treffen wir uns um 7.30 Uhr zum Joggen. Hinunter zur Weichsel, Richtung Altstadt, wegen des einsetzenden Sprühregens nehmen wir den kürzeren Rückweg über die Oper.

Pünktlich bringt uns der Zug zurück nach Berlin. Das Beethoven-Festival, das von Frau Penderecka, Gattin des Komponisten Penderecki, geleitet wird, möchte uns für 2012 wieder einladen. Vielleicht mit einem Abstecher nach Krakau. Do widzenia!

Kleines ABC des Konzertreisenden | Teil 3

von Mathias Donderer | Cellist [zur Person]

zu Teil 1 | zu Teil 2

R |

Raucherbus: Ein Relikt aus vergangenen Tagen – wurde gegen Ende einer jeden Reise zunehmend voller … Standardfrage: „Ist das der lustige Bus?“

S |

Schäden: Jede Tournee ist auch eine „tour de force“ für die Instrumente – ich erinnere mich mit Grauen an die Beobachtung einer Verladung, die ich von der Flugzeugkabine aus beobachtete: Die Kisten standen ewig im Regen, schließlich wurden sie mit brachialer Gewalt auf das Förderband gekippt und geschleudert. Erst jetzt gerade in Wien hat es einen Bass erwischt – der Fahrstuhl hatte dummerweise Türen zu zwei Seiten …

Spesen: Reichen meist nicht. Bei meiner ersten USA-Tournee 1983 (der Dollar stand bei 3 Mark 40!) gab es Kollegen, die über 1000 Mark draufgezahlt haben… Wir Jungschen retteten uns mit 3 Wochen Mc Doof und sonstigem Fast-Food.

Spielcasino: Wurde durchaus schon mal einem sonst bodenständigen Kollegen zum Verhängnis …

Sprachprobleme: Insbesondere früher ein Problem – Englisch war noch nicht so verbreitet wie heute. Auch wer sich rudimentär auf Italienisch, Französisch oder Spanisch verständigen konnte, stieß spätestens in Japan an seine Grenzen. Aber auch Englisch war für viele ältere Kollegen ein Problem, besonders für die ehemaligen DDR-Bürger, die das ja nie gelernt hatten. Heute sind wir so multilingual aufgestellt, dass sich für fast jedes Land ein Muttersprachler als Begleitung finden lässt – mal ganz abgesehen von unseren Sprachtalenten, die die ausgefallendsten Sprachen beherrschen.

Leider nützt die vielbeschworene „internationale Sprache der Musik“ wenig, wenn es darum geht, etwas zu essen zu bestellen.

T |

Telephon: In prä-Internet-Zeiten die einzige und immens teure Möglichkeit, mit den Daheimgebliebenen in Kontakt zu bleiben.

U |

Unwägbarkeiten: Das A und O einer jeden Tournee!

V |

Verspieler: Gibt’s bei uns nicht! Honni soit qui mal y pense …!

W |

Wellness: Verfügbarkeit in den Hotels wird von ausgefuchsten Kollegen bereits im Vorfeld eruiert und unmittelbar nach Ankunft genossen …

X |

X-Ray: Teil der zunehmend nervenden Sicherheitskontrollen an den Flughäfen: Wehe dem Holzbläser, der sein Rohrmesser im Kasten lässt! Teilweise wurden schon Saiten konfisziert – man könnte ja jemanden strangulieren …

Y |

Yoga: Beliebtes Anti-Stress Programm – besonders auf Reisen …

Z |

Zwischenmenschliches: Aus 12-14 Stunden Gemeinsamkeit werden manchmal auch 24 – so manches Paar hat sich auf Reisen gefunden, nicht zuletzt geschuldet der Tatsache, dass Bordkarten für Flüge oft im Vorfeld nach dem Alphabet geordnet ausgestellt werden … ;-)

Zwischenstop in Berlin | 20.-22. März

von Andreas Lichtschlag | Cellist (zur Person)

Drei Tage Zwischenstopp in Berlin. Im zweiten Teil der Tournee haben wir einen anderen Solisten dabei: Kirill Gerstein. Mit ihm treffen wir uns im Ferenc-Fricsay-Saal, um das zweite Klavierkonzert von Brahms zu proben. Wir haben neues Notenmaterial, das noch von uns bezeichnet werden muss. Leslie Riva (Foto) ist schreibbereit!

Selbst die Probenpausen werden zur Klärung von Fragen genutzt. Hier (Foto) vergleicht Eva Schönweiß ihre Brahms-Stimme mit der Partitur von Ingo Metzmacher. Gleich geht es weiter mit dem dritten Satz, in dem Brahms ein wunderschönes Cellosolo eingebaut hat. Spielen wird es diesmal Mischa Meyer (rechts im Bild).

Zu Brahms’ zweitem Konzert noch ein kleiner Rückblick in die Historie unseres Orchesters:

Das muss im Juni 1967 gewesen sein. Lorin Maazel dirigiert, Solist ist Svjatoslav Richter. Dass der Pianist im Westen auftreten durfte – und noch dazu im von den Sowjets gerne boykottierten West-Berlin–, war der Berliner Abendschau einen Beitrag wert. Der Erwartungsdruck muss enorm gewesen sein, auch für den Pianisten …

Kleines ABC des Konzertreisenden | Teil 2

von Mathias Donderer | Cellist [zur Person]

zu Teil 1 | zu Teil 3

I |

Instrumente: Wohl dem, der sein Instrument als Handgepäck mitnehmen kann – alle anderen sind auf den offiziellen Transport angewiesen und somit im schlimmsten Fall mehrere Tage ohne Übemöglichkeit. Hierbei spielen Tarifverträge der Bühnenarbeiter, Sonntagsfahrverbote und Fahrtenschreiber eine ungeliebte Rolle. Mehr als einmal fehlte aus unerfindlichen Gründen eine Instrumentenkiste – hier sind dann persönliche Kontakte zu Musikern vor Ort gefragt, bei denen man das fehlende Teil ausleihen kann.

Informationen: Neben dem Reiseplan die in jedem Hotel angebrachten Aushänge über die Aktivitäten des kommenden Tages, meist mit Stadtplänen und Restauranttips.

J |

Jetlag: Die wunderbare Erfahrung, bei gefühlten 3 Uhr morgens eine Generalprobe zu absolvieren …

Jottwedee … sind manchmal Hotels abseits jeglichen Lebens in Industriegebieten, ohne Restaurants und Supermärkte …

K |

Krankheiten: Auf jeder größeren Tour ausserhalb Europas begleitet uns ein Arzt – abgesehen von der Behandlung üblicher Reisekrankheiten war das Nähen einer Platzwunde allerdings bisher die schwerwiegendste Aktion.

Kritiker: Werden teilweise mitgenommen – schreiben aber trotzdem, was sie wollen ;-)

L |

Luft: Besonders in Hotels ein Manko: Fenster lassen sich nicht öffnen, die Klimaanlage läuft entweder übermotiviert oder gar nicht – der erfahrene Reisende hat seinen Leatherman zum Überwinden der Fensterblockaden dabei …

M |

Musik: Weshalb wir das alles machen!

N |

Nörgeleien: An der Tagesordnung – Vorstand, Reiseleitung und Administration sind hier besonders gefragt – oft hilft einfach nur zuhören …

O |

Ohropax: Unverzichtbar in einigen Hotels, aber auch im Flugzeug oder der Bahn, besonders wenn man das Glück hat, in unmittelbarer Nähe einer lärmenden Skatrunde zu sitzen. Wird inzwischen zunehmend durch geräuscheliminierende Kopfhörer ersetzt.

P |

Pausen: Unverzichtbar!

Q |

Qualifikation: Das Schlüsselwort für jeden wie auch immer an einer Tournee Beteiligten.


Proben- und Konzertfotos aus Wien und Paris

… jetzt rechts in der Bildergalerie.

Kleines ABC des Konzertreisenden | Teil 1

von Mathias Donderer | Cellist [zur Person]

zu Teil 2 | zu Teil 3

A |

Abflug: Wird gerne verpasst, und sei es trotz direkten Aufenthalts am Gate – abgelenkt durch eine Skat-oder Schachpartie …
Verzögert sich gern – bekäme man Wartezeiten auf Flughäfen auf die Dienstzeit angerechnet, wäre die Pensionierung bei manchen schon einige Monate früher….

Alkohol: Wird mit zunehmend rückläufiger Tendenz konsumiert. Die wilden Zeiten für Orchester auf Tournee sind seit vielen Jahren vorbei. Ein gemeinsames Bier nach gelungenem Konzert gehört aber durchaus noch zur Tradition.

B |

Bahnfahrten: Von allen bei Kollegen mit Flugangst beliebt, im Zuge der Wiedervereinigung dank schneller Verbindungen zunehmend als Alternative zum Flugzeug genutzt – 12 Stunden Wien-Berlin bleiben die Ausnahme …

Busfahrten: Oft der anstrengenste Teil der Reise – insbesondere nach 12 Stunden Transatlantikflug gibt die eine Stunde im Bus zum Hotel so manchem den Rest. Ungeschriebene Gesetze sichern den Kollegen mit Tendenz zur Reisekrankheit die vorderen Plätze. Nicht selten erwischen wir Busfahrer, die sich überhaupt nicht auskennen oder – wie in Japan – extra Umwege zum Saal fahren, um nicht vor der im Reiseplan angegebenen Zeit ihr Ziel zu erreichen …

C |

Cellokisten: Je 2 Kollegen teilen sich eine Kiste, Platz für die Instrumente, Fräcke und Schuhe ist je nach Bauart unterschiedlich reichlich vorhanden (olfaktorisch nach 2 Wochen nicht immer wirklich angenehm). Der restliche Stauraum wird am Ende der Tour gerne als Platz für Mitbringsel aller Art genutzt.

D |

Datenerfassung: Vor jeder Reise, vor allem ins nicht-europäische Ausland, eine ungeliebte Aktion der Administration; Passnummern und persönliche Daten müssen auf den neusten Stand gebracht, Visa-Formulare ausgefüllt und eingereicht werden. Ein multinationales Orchester wie das DSO hatte hier besonders vor der Wende mit zusätzlichen Problemen zu kämpfen: Da gab es Flüchtlinge aus der DDR, die von West-Berlin aus nur fliegen durften – selbst nach Hannover, Staatenlose aus aller Herren Länder, deren Status geklärt werden musste etc … Das ist zwar heute weitgehend Geschichte, inzwischen aber muss ein Orchester mit Kosten in fünfstelliger Höhe rechnen, um alle Formalitäten für eine Einreise in die USA zu erledigen.

E |

Einchecken: Egal, ob am Flughafen oder im Hotel – hier teilt sich das Orchester in diejenigen, die möglichst als erste drankommen möchten, und die, die sich gleich gelassen sagen: “Was soll der Stress …“

F |

Flugangst: Ein Thema, über das sich die wenigsten im Vorfeld ihrer Berufswahl Gedanken machen. Da gibt es Kollegen, die auf eigene Kosten eine Bahnfahrt wählen und welche, die sich im Vorfeld genauestens informieren, mit welcher Fluglinie und welchem Flugzeugtyp wir fliegen …

G |

Gratwanderungen: Ethisch-moralische Bedenken, ob Gastspiele in bestimmten Ländern mit der eigenen Überzeugung in Einklang zu bringen sind. Oder auch die Entscheidung zwischen der Fast-Food Bude an der Ecke oder dem 5mal teureren Restaurant nebenan. Üben oder Shoppen?

H |

Hotels: Meistens gut bis hervorragend – Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel …

Tourneen und Joggen 3 (Paris)

Von Andreas Lichtschlag | Cellist [zur Person]

Meine erste Tournee führte mich im Dezember 1974 nach Paris. Moshe Atzmon dirigierte. Solist war der Pianist Jorge Bolet. In besonders schöner Erinnerung ist mir unser Gastspiel mit Kent Nagano im Dezember 2000. Als bekennender Fan von Minimal Music hatte ich viel Spaß an der Produktion von John Adams’ Oper „El Nino“ im Théâtre du Chatelet.
Klirrende Kälte herrschte damals in Paris. Jeden Morgen startete ich mit einer Kollegin noch im Dunkeln Richtung Seine. Die Clochards unter den Brücken kannten uns bald. Einige Runden joggten wir in den dämmerigen Tuilerien. Dann zurück. Hinter Notre Dame ging die Sonne auf. Unbeschreiblich schön.

Paris: Vom Musikgeschmack einer Stadt und unerquicklichem Kranksein

Von Karsten Windt | 1. Geige [zur Person]

Die für einen Musiker nach einem Konzertabend eigentlich viel zu frühe Busabfahrt zum Wiener Flughafen am nächsten Morgen wird belohnt mit einer zeitigen Ankunft in Paris. Dank eines geschickten Busfahrers erreichen wir noch vor der Rush Hour in nur 40 Minuten das Hotel – ein absoluter Rekord. Beim letzten Mal waren es fast zwei Stunden!

Das Hotel liegt direkt am Gare du Nord – nicht gerade die schönste Ecke von Paris, mit Billigläden, offenbar Drogenhandel und vielen Arbeitslosen auf der Straße. Aber viele Orchester wohnen hier, weil der Saal – La Salle Pleyel – nicht zu weit entfernt ist, und am Dienstag unser Zug nach Brüssel direkt auf der anderen Straßenseite abfährt. Da ich schon seit einigen Tagen ein Kratzen im Hals habe, mache ich mich gleich auf die Suche nach einer heißen Suppe, doch inmitten der unzähligen einfachen Restaurants und Imbisse scheint es so etwas nirgendwo zu geben. Also entscheide ich mich für ein kleines, etwas abseits gelegenes Familienbistro, wo der Patron noch persönlich serviert. Cassoulet, was in der englischen Übersetzung sogar als Stew (Eintopf) angepriesen wird, entpuppt sich als ein lieblos zusammengewürfelter Teller trockener Zutaten. Pech gehabt. Trotzdem: die Atmosphäre ist sehr nett und echt französisch. Am Nebentisch isst der Patron selbst zu Mittag, mit 3 Freunden. Da ich französisch spreche, kommen wir ins Plaudern. Man schenkt mir ein kleines Glas Wein, so kriege ich wenigstens ein paar Happen runter … Einer der Freunde stellt Käse her, den ich auch probiere, ein leckerer Camembert. Er meint, die Deutschen gehörten zu seinen besten Kunden. Ich verspreche ihm, das Foto, das ich von den vier Messieurs mache, in den Blog zu stellen und ihm den Link zu schicken. Ein anderer ist (noch) arbeitsloser Komödiant und drückt mir mal eben das Musikprogramm vom Théâtre des Champs-Elysées in die Hand. Wie in Berlin und Wien gibt es auch in Paris zwei Konzertsäle mit wirklich reichhaltigem Konzertangebot. Nebenbei verabredet sich der vielleicht Ende fünfzigjährige Patron am Handy mit seiner Copine zu einer Soupe Chinoise für den Abend. So weiss ich nun auch, wo ich später meine Suppe herbekomme!

Leider muss ich wegen meines fiebrigen Gesundheitszustandes den Rest des Tages und auch den nächsten Tag im Bett meines Hotelzimmers verbringen. Das mittlerweile fertig renovierte Portal des Nordbahnhofs, auf das ich blicke, sieht zwar wunderschön aus und erinnert mich daran, dass es auch in Berlin früher viele Kopfbahnhöfe gab. Hier sind sie alle immer noch in Betrieb und erzählen ihre Geschichten. Allerdings dringen der tosende Verkehrslärm und das Hupen der Taxis von morgens um 6 bis nachts um 2 auch durch die besten schallisolierten Fenster. Dazu die vielen Motorroller, die trotz der Kälte unterwegs sind, mit findigem Fahrtwindschutz – eine Stadt immer kurz vor dem Verkehrskollaps.

Im französischen Fernsehen läuft eine Sendung über Häuserrenovierung. Das Innenarchitekten-Team könnte mein dunkelbraunes Zimmer auch mal gut gebrauchen. Egal, krank sein auf einer Tournee ist immer blöd, und mit den vielen Klimaanlagen, auf Flughäfen und Restaurants kann man sich schon mal was einfangen. So spielt sich mein Pariser Aufenthalt innerhalb eines Häuserblocks rund um das Hotel ab. Meine lieben Geigenkollegen sind am freien Tag dafür viel rumgestiefelt, zur Seine, auf den Montmartre, ins Louvre, und was man sonst noch alles Schönes machen kann in Paris. Sonntag abend wollten wir uns unten an der Ecke, in der Brasserie 1925 – weit und breit das einzig vernünftige Restaurant – zum Diner treffen. Wer’s mag, findet dort auch leckere Austern. Ich bin nicht gerade ein Fan, aber die Austern-Verkostung fünf verschiedener Sorten, begleitet von einem Glas trockenen Muscadets, war beim letzten Mal vorzüglich und sehr interessant. So etwas findet man in Berlin kaum. Diesmal muss ich leider absagen und buche stattdessen für den nächsten Vormittag einen Rückflug nach Berlin und einen Arzttermin, was sich später als absolut notwendig bestätigt. Schade. Ich komme mir vor wie ein Fussballer, der verletzt aus dem Spiel ausscheidet und das Geschehen nur noch aus der Ferne mitverfolgen kann. So werde ich also vom Blogger zum Gebloggten …

Credit: George Grantham Bain collection / Library of Congress via Wikimedia CommonsKornelia, unsere Soloflötistin, schreibt mir eine Gute-Besserungs-SMS und berichtet, dass die  Zuhörer in der Salle Pleyel begeistert waren. Strawinskys „Feuervogel“ (in unserem Fall die gesamte Balletmusik, nicht nur die bekanntere kürzere Suite), in Wien eher mit freundlichem Beifall bedacht, wird vom Pariser Publikum ganz offensichtlich anders aufgenommen. Schließlich lebte der Komponist  ab 1920 hier, wurde 1934 sogar französischer Staatsbürger, bevor er später nach Amerika auswanderte. Der „Feuervogel“, im Original „L’oiseau du Feu“, wurde hier uraufgeführt, der „Sacre du Printemps“ entfachte später den berühmten Tumult. So nimmt Strawinsky im Pariser Musikleben vielleicht einen ähnlichen nationalen Stellenwert ein wie Ravel und Debussy. In Wien mögen es eher Mahler, Mozart, Schubert und Johann Strauss sein, und vielleicht gibt es bei uns in Berlin eine Affinität zu Beethoven, Brahms und Richard Strauss? Man kann es sicherlich nicht verallgemeinern, aber eine  Publikumsreaktion verdeutlicht immer auch gewisse lokale Vorlieben des musikalischen Geschmacks und trägt der nationalen Musikgeschichte Rechnung. In der Salle Pleyel werden wir jedenfalls deutlich daran erinnert: Igor Strawinsky war nicht nur Russe, sondern auch Franzose! Bon voyage, DSO.

Wien 1975: Erinnerungen an ein Gastspiel

Von Andreas Lichtschlag | Cellist [zur Person]

In Wien dirigierte Lorin Maazel vor 35 Jahren das DSO Berlin (damals RSO Berlin), dessen Chef er seit 1964 war, zum letzten Mal. Auf Wunsch der Wiener Festwochen sollten wir zum 150. Geburtstag des Komponisten auch Johann Strauß mit ins Programm nehmen. So ganz wohl war uns dabei nicht, aber Maazel konnte in den gewünschten Stücken sehr interessante Aspekte aufzeigen. Die Stimmung zwischen Orchester und Chefdirigent war gut. Mir, dem Neuling, erzählte man gerne von Maazels abrupten Stimmungswechseln. Aufpassen sollte ich vor allem bei den Generalpausen. Maazel würde sich schwarz ärgern, wenn jemand da hinein spielte. Aber noch mehr würde er sich ärgern, wenn niemand hineinspielte …

Am folgenden Tag gastierten wir in Linz, um dann ein weiteres Konzert in Wien zu geben. Mahlers Sechste hatten wir einige Monate zuvor in Berlin gespielt – mit größtem Erfolg. Wir waren in Topform und wollten es den Wienern zeigen. Inzwischen waren die Kritiken unseres ersten Wiener Konzertes erschienen. Jeder weiß, dass die Wiener Kritiker nicht gerade zimperlich mit ihren „Opfern“ umgehen – das ist gute Wiener Tradition. Beruhigend ist, dass niemand geschont wird, auch nicht die einheimischen Künstler. Man sollte die Verrisse mit größter Gelassenheit hinnehmen.

Maazel muss sich dennoch ziemlich geärgert haben, zumal das Orchester sehr gut weg kam, er aber arg zerpflückt wurde. Als er aufs Podium kam, wussten alle Bescheid. Dieser Abend konnte heftig werden.

Maazels Schlagtechnik kann man nicht widerstehen. Sie ist absolut klar, eindeutig, allen verständlich. Man kann nur so spielen, wie er es zeigt. Er muss in den Proben wenig erklären. Musiker schätzen das. Der automatische Pilot, den wir bei unzureichenden Dirigaten oft einschalten müssen, bleibt unter Maazel deaktiviert.

In diesem Wiener Konzert überzeichnete Maazel die Schroffheiten in Mahlers Sechster. Die accelerandi waren wahre Katapulte, die Fermaten dehnte er endlos. Der Taktstock pfiff hörbar durch die dicke Luft. Alle saßen auf der Stuhlkante und reagierten blitzschnell. Ich als junger Mensch sah diesen Kampf eher sportlich, aber viele Kollegen waren nach diesem Konzert in gedrückter Stimmung.

Einige Monate später wurde Maazels Demission vorgelesen. Unser Orchester müsste mehr Zeit mit dem Chefdirigenten verbringen. Er hätte diese Zeit aber nicht mehr in dem erforderlichen Umfang (Maazel war Nachfolger von George Szell in Cleveland geworden).

Für uns begann nun eine chefdirigentenlose Zeit, die sieben lange Jahre dauernd sollte. Riccardo Chailly erlöste uns schließlich aus dieser Dürreperiode.

Bericht aus Wien (12. März)

Von Karsten Windt | 1. Geige [zur Person]

Heute verabschieden wir uns aus Wien mit einem Showoff-Orchesterstück, der 7. Mahler-Sinfonie, die auch ohne das vorangehende Violinkonzert von Hartmann schon abendfüllend gewesen wäre. Wieder stellt sich die Frage, wie das Wiener Publikum wohl die Aufführung eines Wiener Komponisten durch ein deutsches Orchester aufnehmen wird. Anhand des freundlichen Applauses ist dies nicht eindeutig festzustellen, aber wir sind uns einig: das Orchester hat mal wieder eine Höchstleistung vollbracht, in vielen solistischen Einzelleistungen und als Ensemble. Immerhin ist das Berliner Konzert schon fast wieder eine Woche her, und da war es gut, sich am Vormittag noch einmal auf das andere Programm eingestimmt zu haben. Die dreistündige Generalprobe reichte gerade, um die beiden Stücke  einmal ganz durchzuspielen und ein paar schnelle Korrekturen vorzunehmen. Am Abend wird dann immer noch eins drauf gesetzt. Das ist eine der Stärken unseres Orchesters, am Abend im Konzert wirklich Musik zu machen und „auf der Stuhlkante zu sitzen“, egal wie müde man ist, ob man überhaupt Zugang zu den Instrumenten hatte oder wieviel Probenzeit zur Verfügung stand. Im Extremfall können eine Generalprobe und ein Konzert schon mal so unterschiedlich klingen als spielten zwei verschiedene Orchester. Noch einmal genießen wir den schönen Saal, zwängen uns wie Ölsardinen durch die engen Gänge und Kellergewölbe, um auf die Bühne zu kommen.

Eine alte Freundin von mir, Architektin und in Berlin früher eingefleischter DSO-Fan, ist heute mit ihrem österreichischen Mann im Konzert. Frauke kenne ich noch vom Jugendorchester der Musikschule Charlottenburg, meiner musikalischen Kinderstube. Im DSO bin ich seit 19 Jahren, aber Orchester spiele ich schon immer regelmäßig seit 1975, als ich als Kind gerade mal 3 Jahre lang Geigenunterricht hatte. Man könnte also auch sagen, dass meine Orchesterkarriere eigentlich schon 34 Jahre andauert – ob ich das wirklich wissen will? Mit der Zeit geht das in Fleisch und Blut über und wird zum festen Bestandteil unseres Lebens. Jedenfalls ist es ein schönes Tourneephänomen, dass man in vielen Städten auf der ganzen Welt Musikerfreunde, Studienkollegen oder Schulkameraden treffen kann, nicht zuletzt dank Email und Facebook. Die letzte Überraschung erlebte ich im März 2009 auf unserer Asientournee, als ich in Kuala Lumpur und Hongkong plötzlich Musiker erblickte, mit denen ich Jahre zuvor in Spanien ein Projekt zusammen gespielt hatte. Da gibt es dann immer etwas zu feiern und viel zu erzählen. So bekommt man natürlich auch die besten Restaurant-, Einkaufs- und Kulturtips in fremden Städten.

Musik verbindet, und nicht nur Musiker. Auf dem Weg zum Konzertsaal esse ich einen kleinen Imbiss auf der Strasse, weil mein Hunger wie so oft auf der Tournee nicht mit den sonst üblichen Essenszeiten kompatibel ist. Da werde ich von einem anderen Gast angesprochen, und es stellt sich heraus, dass dieser gleich bei uns im Publikum sitzen wird. So bekommt er seine Pizza und ich eine knusprige Bratwurst: für 5 Sätze Mahler kann man schon gut mal ein paar Reserven gebrauchen … Gestern trafen wir Gidon Kremer am Nachbartisch in unserem Stammlokal, mit dem wir ja schon öfter konzertiert haben, und später am heutigen Abend plaudern wir dort mit Gästen, die gerade von einem Konzert im anderen Wiener Saal kommen, dem Konzerthaus. Ich erinnere mich, wie in Tokyo einmal ein einheimischer Gast unserem Musikertisch gleich mehrere Runden Getränke spendiert hat, um uns in seinem Land Willkommen zu heißen! Musik sorgt immer für Kommunikation, Inspiration und geistigen Austausch zwischen den Menschen. Und das ist auch der Sinn solcher Tourneen, nicht nur die Business-Ebene, dass es sich rechnen muss, sondern vor allem die Annäherung der Kulturen, dass man in ein fremdes Land etwas mitbringt, und etwas anderes von dort wieder mit nach Hause nimmt. Das erweitert den Horizont und durchbricht die für ein Orchester gefährliche Routine, die sich sonst leicht im Alltag der heimatlichen Konzertsaison einschleichen könnte.

Morgen geht es nach Paris, ein ganz anderes Pflaster, auch im Hinblick auf die Bedeutung klassischer Musik im Kulturleben einer Stadt, und wir freuen uns, nicht auf die frühe Busabfahrt um 8:00 zum Flughafen, vielmehr auf unseren ersten wohlverdienten freien Tag zum Entspannen, Ausruhen, individuellen Üben, Shoppen oder Sightseeing – und dies ist passenderweise sogar ein Sonntag. À bientôt donc en France avec un café au lait et un croissant!

[Wiener Kritiken finden Sie hier.]

Tourneen und Joggen 2

Dritte SMS von Andreas Lichtschlag | Cellist [zur Person]
vom 11. März aus Wien:

In morgendlichem Schneegestöber den Belvedere-Park rauf und runter gejoggt samt Feuervogel-Ohrwurm. Im Lobkowitz- (=Förderer Beethovens) -Palais Ausstellungen über Gustav Mahler bzw. Thomas Bernhard. Dieser lässt in „Macht der Gewohnheit“ den Zirkusdirektor sagen: „Ich hasse das Cello! Aber es muß gespielt werden!“ – Na ja, nur das Celloüben mit Hoteldämpfer mag ich nicht so sehr … [Andreas Lichtschlag]

Bericht aus Wien (10./11. März)

Von Karsten Windt | 1. Geige [zur Person]

Wien – eine dem DSO recht vertraute Stadt. Mit allen unseren Chefdirigenten haben wir hier mehrfach gespielt, und einigen Gastdirigenten wie Günther Wand ebenso. Zuweilen mit gemischten Gefühlen, ich jedenfalls. In Wien herrscht noch immer eine sehr traditionelle Einstellung zur Musik mit einem Hauch Lokalpatriotismus, und als gebürtiger Berliner ist man schnell ein Preuss. Trotz der (fast) mühelosen sprachlichen Verständigung fühle ich mich mit meinem Hochdeutsch hier irgendwie mehr wie ein Ausländer als z.B. in Tokyo.

Der Musikverein: ein wunderbarer alter Saal, von der Bauart grundsätzlich anders als die Berliner Philharmonie. Gold und Kristall glänzt einem entgegen in diesem ehrwürdigen Gemäuer in der berühmt bewährten Schuhkartonform, und die Musikgeschichte ist allgegenwärtig. Wieviele Meisterwerke wurden hier wohl uraufgeführt, und womöglich zunächst einmal ausgebuht? Die Wiener Philharmoniker lehnten die eine oder andere Symphonie von Anton Bruckner damals als unspielbar ab. Schon vorher war z.B. Mozart vielen Wienern zu anstrengend, heute kaum nachzuvollziehen, es sei denn man berücksichtigt den damaligen Zeitgeschmack. Für den war Wolfgang Amadeus oft zu progressiv – das Publikum hörte lieber Salieri!
Der Saal verfügt über einen langen Nachhall und wird schnell laut. Schlaginstrumente müssen sich zurücknehmen, piani noch leiser genommen werden als sonst. Spielt man mit dem von der Berliner Philharmonie gewohnten Schalldruck, fliegt hier das Dach ab. Nur die Laeiszhalle in Hamburg ist noch empfindlicher in dieser Hinsicht. Belohnt wird die Mühe mit einem samtenen, seidig-transparenten Orchesterklang. Das Publikum: sehr aufmerksam. Man merkt: die sind mit Musik großgeworden. Im Gegensatz zu beispielsweise vielen amerikanischen Städten hat man das Gefühl, die Sprache der Musik wird hier richtig verstanden und nicht nur Klang gehört. So ist auch das Orchester mit höchster Konzentration dabei, und egal was die Wiener Kritik vielleicht morgen in der Zeitung schreibt, so spielt das Orchester auf allerhöchstem Niveau, während ich eine unsichtbare, sachverständig bewertende Rezeption des Orchesters beim Publikum zu spüren vermeine.

Im Gegensatz zur Philharmonie sitzt das Orchester hier erhöht auf Treppen. Das Publikum kann den weiter hinten sitzenden Kollegen auf die Schultern klopfen, was zu einem fröhlichen Dialog zwischen dem fünften Geigenpult und einem Ehepaar in der ersten Reihe des Seitenrangs führt: „Na bravo, kommt’s bald wieder“ sagen sie lachend. Nun, vorher wird das Programm morgen noch einmal wiederholt, und am Freitag durch die 7. Mahler-Sinfonie ergänzt. Aber ja, wir kommen gerne immer wieder!
Die Wiener sind von ihren Philharmonikern ja noch ein eher männlich besetztes Orchester gewohnt. In unserer ersten 16köpfigen Geigengruppe zähle ich an diesem Abend, mich selbst eingeschlossen, nur noch vier Geiger, womöglich eine bald aussterbende Art? Das DSO ist eben ein modernes Orchester und bricht oft als eines der ersten mit äußeren Traditionen. So ist dies vielleicht auch der größte Unterschied der beiden großen Kulturstädte: Berlin als Stadt, die in atemberaubendem Tempo neueste gesellschaftliche Veränderungen hervorbringt, und Wien in erster Linie ein Ort von über die Jahrhunderte gepflegten Traditionen, was z.B. auch den Fortbestand der berühmten Caféhäuser sichert. Beides hat seinen Reiz und birgt eine magische Anziehungskraft für Besucher aus der ganzen Welt.

Meine Kollegin und Pultnachbarin Nari Brandner hat heute Geburtstag, was in der Anpielprobe mit einem Tusch gewürdigt wurde. So feiern wir nach dem Konzert in gemütlicher Runde noch ein bisschen im nahegelegenen Gmoa-Keller, unserem Lieblingslokal mit gutem, original österreichischem Essen und probieren köstliche einheimische Weine. Entgegen allen Wiener Klischees haben wir außerdem eine ausgesprochen nette Bedienung, die unsere Nachfragen nach der Bedeutung der vielen unbekannten Worte auf der Speisekarte geduldig beantwortet. Der heutige Tag hatte es mit langer Bahnfahrt, Bustransfer, längerer Anspielprobe und Konzert vor ausverkauftem Haus in sich. Morgen dürfen wir endlich einmal ausschlafen, und ich hänge mit einem entspannten inneren Schmunzeln die Zimmerfrühstücksbestellung an meine Tür …  So schreibe ich diesen Blog am nächsten Morgen tatsächlich beim gemütlichen Frühstück im Bett und lasse an einem kalten grauen Vormittag Wien einfach mal Wien sein.

SMS aus Wien

Nach dem ersten Konzert im Wiener Musikvereinssaal vom 10. März berichtet
Andreas Lichtschlag | Cellist [zur Person] per SMS:

Auf Wunsch von Leonidas Kavakos schlägt unser Paukist das erste Paukenmotiv mit den Fingern statt mit den Schlegeln. Interessanter Effekt: Klingt irgendwie „historisch“. Apropos: Die Planken im Musikvereinssaal-Podium wurden nie ausgewechselt. Auf diesen Brettern standen schon Brahms und Mahler. Der Atem der Geschichte weht uns an …
Schmunzelnd erinnern wir uns an die hochgestellte Persönlichkeit des Berliner Musiklebens, die bei unserem letzten Gastspiel hier im Konzert einschlief. Während Nagano dirigierte, machten wir uns per nonverbaler Kommunikation darauf aufmerksam. Nachbarn reagierten empört, offenbar wurde geschnarcht. Konzert war ein großer Erfolg …

Bericht aus Innsbruck (9. März)

Von Karsten Windt | 1. Geige [zur Person]

Am Dienstag sagen uns die schneebedeckten Berge Guten Morgen. Als Musiker kommt einem sofort die Musik von Gustav Mahler in den Sinn, vor allem die Stellen mit den Kuhglocken, oder Anton Bruckners Sinfonien, die so eng mit dieser erhabenen Natur verknüpft sind. Diesmal leider bleibt die Natur eher unerreichbar:  am Abend vorher haben sich viele gar nicht mehr aus dem Hotel gewagt, so eisig ist die Luft. Das ganze Land ist noch immer mit einer Schneedecke überzogen.

Von 10 bis 1 ist Generalprobe. Zu schade, dass man die Berliner Philharmonie nicht mit ins Gepäck stecken kann. In der trockenen Akustik des Innsbrucker Kongresszentrums, das wir in 15 Minuten quer durch die Altstadt zu Fuss erreichen, klingt alles stumpf, und das Orchester muss (und kann) sich in kürzester Zeit darauf einstellen. Je nach Nachhallzeit eines Saales müssen die Musiker viele Noten so wie hier in Innsbruck etwas länger, oder, wie z.B. im Wiener Musikverein, auch kürzer spielen, damit der Klang für das Publikum optimal ausbalanciert ist.  Die zweiten Geigen auf der rechten Seite des Podiums hören die ersten nicht und umgekehrt. Da heisst es, sich auf seinen siebten Sinn zu verlassen und telephatisch zusammenzuspielen – das geht tatsächlich, und es ist ein interessantes Phänomen, wenn ein Orchester sich so gut aufeinander „eintunt“.

In der kurzen Zeit der Probe muss nicht nur die gesamte Feuervogel-Ballettmusik rekapituliert, sondern auch noch Beethovens Violinkonzert geprobt werden. Zugegebenermassen ein bekanntes Standardwerk, das jeder in- und auswendig kennt, aber Leonidas Kavakos spielt das Werk – mit lupenreiner Intonation – sehr frei, hat Änderungswünsche für Striche, die wir schnell in das gerade neu eingetroffene Urtext-Notenmaterial übertragen müssen. So wird auch noch die letzte Minute der Probe genutzt, um sich aufeinander abzustimmen.

Am Abend ist das Konzert dann restlos ausverkauft. In der Konzertübersicht erweist sich der Besuch des DSO als ein Höhepunkt der Saison, und ca. 30 Zuhörer wohnen dem ganzen Konzert sogar stehend bei. Erst um kurz vor halb elf verlassen wir die Bühne. Das halbe Orchester findet sich dann im Stiftskeller wieder, wo man nach dem Konzert noch Energien nachtanken kann, in Form von Tiroler Spezialitäten und einem frisch gezapften Bier. Als nächstes geht’s nach Wien, einer wichtigen Station jeder Europatournee, aber das ist erst morgen …

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